Der Umgang mit Affekten und Gefühlen stellt sich in der Geschichte pädagogischer Strukturen und Beziehungen äußerst ambivalent dar. Die Ideengeschichte der Pädagogik dokumentiert ein nahezu gleichzeitiges Propagieren des Bekämpfens und Besiegens, des Kontrollierens und Ignorierens, aber auch das Idealisieren der Vorgängigkeit und Unentbehrlichkeit von als höchst produktiv stilisierten Emotionen. Zugleich gelten Emotionen als Ergebnis und Erzeuger gesellschaftlicher und sozialer Verhältnisse, als „kulturell, sozial[e], diskursiv reguliert, formiert und überformt“ (Magyar-Haas 2018, S. 21). Emotionen können einen starken Motor, aber auch ein großes Risiko in Erziehungs-, Bildungs- und Lernprozessen darstellen.

Gefühle, Affekte und Affektlogiken sind genuine Themen der Psychoanalytischen Pädagogik. Affekte begleiten unser Handeln oder gehen ihm voraus. In einem psychoanalytisch-pädagogischen Professionsverständnis ist eine Kultivierung der Affekte und Gefühle Programm. Pädagog*innen sind für einen gezielten und reflektierten Umgang mit Affekten und Gefühlen, den eigenen und fremden, zu professionalisieren. Konträr dazu stehen gegenwärtige Konjunkturen, die gerade eine Gefühlsunabhängigkeit, ein von Gefühlsregungen unbelastetes Handeln propagieren und vorgeben, sich auf die Regulation des Verhaltens zu konzentrieren. Das Ideal einer leidenschaftslosen, affektfreien, objektiven Konsequenz auf ein (Fehl-)Verhalten durch ‚neue Autorität’ stellt ein Ideal der modernen Intervention in pädagogischen Kontexten dar (z.B. Omer/Schlippe 2010).

Vor allem für die professionelle pädagogische Arbeit in der Schule zeigt sich eine Diskrepanz zwischen erziehungswissenschaftlichem Diskurs einerseits und den Disziplinierungs- und Strafpraktiken in den Institutionen andererseits (Richter 2018); für die professionelle Arbeit in anderen pädagogischen Feldern könnte gleiches gelten. Daraus entstehen einige für die Pädagogik in Theorie und Praxis zentrale Fragen: Welchen Einfluss hat eine auf Verhaltenssteuerung orientierte Praxis auf die emotionale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen? Welche Bedeutungen und Effekte lassen sich für die pädagogische Professionalisierung ableiten? Und schließlich: Welche Geltung hat die hier vorgetragene Diskrepanzthese wirklich?

Eine offene Forschungslage ist hinsichtlich der Motive und Motivationen für diese Praktiken zu erkennen. Strafen in der Erziehung ist out – Konsequenzen sind in. Könnte die emotionale Verführung durch die neuen Disziplinierungstechniken darin bestehen, dass scheinbar straf- und gewaltfrei allenfalls „logische Konsequenzen“ gezogen werden? Wobei zu reflektieren wäre, was Konsequenz und auch Sanktion als Ersatzbegriffe von Strafe bedeuten. Wird damit das Phänomen des Strafens in der Pädagogik gewissermaßen positiv verschleiert? Weiter wäre zu fragen: Was bzw. welche Gefühlsregung wird abgewehrt, was wird wie ausgelebt? Welche Kompromissbildungen werden gefunden, welche Form der Konfliktlösung zeigt sich hier?

Der Themenkomplex Emotion-Verhaltensregulation-Professionalisierung ist demnach von hoher Relevanz für den psychoanalytisch-pädagogischen Diskurs und erhält eine aktuelle Brisanz dadurch, dass

  • im Zuge der inklusiven Transformation des Bildungssystems mehr Kinder und Jugendliche mit fehlangepasstem Verhalten, mit emotionalen und sozialen Beeinträchtigungen, zum Beispiel aufgrund von belastenden Beziehungs-, Migrations- und Fluchterfahrungen allgemeine pädagogische Einrichtungen besuchen. Ängste bei den Fachkräften, insbesondere vor dem Verlust von Autorität werden wach, was sie empfänglich für Kontroll-, Disziplinierungs- und Strafpraktiken machen kann. Deren Einsatz kann bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen verstärkt zu Gefühlen von Ohnmacht und Kontrollverlust führen, was die Verfestigung von Störungen begünstigt.
  • Studierende während ihrer primären professionellen Sozialisation im Praktikum häufig Straf- und Disziplinierungspraxen in pädagogischen Institutionen erleben und sich dazu ins Verhältnis setzen müssen. Dieser für Studierende schwer integrierbare Konflikt zwischen dem straffreien erziehungswissenschaftlichen Diskurs der Hochschulen und möglichen Disziplinierungspraktiken in pädagogischen Einrichtungen kann für sie in einer geradezu existentiellen Dimension aufscheinen, was eine bewusste Bearbeitung des Themas erforderlich macht.

Bei der Tagung soll dieser in der Forschung noch wenig fundierte Zusammenhang von Pädagogischer Professionalisierung, Emotionen und Verhaltensregulation ausgearbeitet werden.

Für die Tagung sind Beiträge erwünscht, die in ihren Analysen den Diskurs der Psychoanalytischen Pädagogik aufgreifen und folgende zentrale Aspekte thematisieren:

  1. Theoretische und historische (begriffliche, sozial- und professionsbezogene) Beiträge zu Affekten und Gefühlen, ihrer Bedeutung und zum Umgang mit ihnen in pädagogischen Kontexten
  2. Aktuelle theoretische und praxisbezogene Positionen von Psychoanalyse und Psychoanalytischer Pädagogik zu Strafe, Disziplinierung und Kontrolle und ihrer Bedeutung in pädagogischen Prozessen
  3. Theoretisch und methodisch ausgerichtete Beiträge zu Möglichkeiten der Bewusstmachung, Bearbeitung und Integration von unangenehmen und abgelehnten Affekten und Gefühlen
  4. (Fall-)Analysen aus verschiedenen pädagogischen Kontexten zur Dynamik von Emotionen, Handlungsbereitschaften und Interaktionsmustern, zu Konfliktsituationen in pädagogischen Organisationen, biographiebasierte Untersuchungen, …

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Herzliche Grüße!

Nicole Welter & Bernhard Rauh